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11.09.2013 13:53 Alter: 5 yrs
Von:  Ingeborg Jahn, Johann Frick, Dirk Gansefort

Gender Bias in der Forschung: ein Beispiel für den Umgang mit Kritik ... zur Nachahmung empfohlen

Nationales Netzwerk Frauen und Gesundheit kritisiert eine Publikation des Robert Koch-Instituts (RKI) als nicht geschlechtersensibel, das RKI räumt unverzüglich Fehler ein und sucht nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit


Im Mai 2013 wurden die ersten Ergebnisse der DEGS-Studie des RKI im Bundesgesundheitsblatt publiziert, u.a. auch eine Arbeit „Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung“ (Schlack et al. 2013). In der öffentlichen Berichterstattung und Diskussion des Artikels (u.a. Spiegel Online 2013, s.u.) wird vor allem das unerwartete Ergebnis der Studie aufgegriffen, dass Frauen „signifikant häufiger Täterinnen von körperlicher und psychischer Gewalt im häuslichen Bereich (Partnerschaft, Familie)“ waren (Schlack et al. 2013 S.757). Das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit erarbeitete daraufhin eine Stellungnahme (maßgeblich entwickelt von Dr. Petra Brzank), in der insbesondere die methodischen Schwächen der Studie in den Blick genommen werden und konstatiert wird, „dass Gewalt bzw. Partnergewalt nicht gendersensibel erfasst wurde.“ (Nationales Netzwerk 2013 S.3, vgl. auch Brzank et al. S.1336) Bereits kurze Zeit später erhielt das Nationale Netzwerk einen Brief des RKI, in dem eingeräumt wurde, dass in dem Artikel „die Grenzen, die unsere Daten bezüglich Ihrer Aussagekraft haben, (…) nicht ausreichend deutlich gemacht“ (zu haben) (RKI-Brief S.1, vgl. auch Lange und Hölling 2013 S.1337). Für die zukünftige Arbeit an diesem Thema wird die Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten u.a. aus der Gewaltforschung gesucht, um einen revidierten Beitrag zu erarbeiten und die Instrumente für zukünftige Nutzung im Rahmen des Gesundheitsmonitorings zu überarbeiten (Lange und Hölling 2013).

Wenn auch sicherlich abzuwarten bleibt, was daraus wird, ist aus unserer Sicht bemerkenswert, wie Kritiken vorgebracht und Schwächen eingestanden wurden sowie nach Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs gesucht wird.

Im Projekt „Epi goes Gender“ (www.epimed-gender.net) beschäftigt uns zentral die Frage, wie sachgerechte und angemessene geschlechtersensible und geschlechtergerechte gesundheitsbezogene Forschung gefördert und erreicht werden kann. Der hier beschriebene Vorgang zeigt unserer Meinung nach, wie eine sachliche und an Qualität von Forschung interessierte Kritik formuliert werden kann und wie darauf ebenso sachlich reagiert wird. Forscher/innen erhalten auch einen Einblick, wie wir in der Perspektive geschlechtersensibler Forschung auf die Dinge schauen, z.B. bezüglich der Frage, ob die Einfluss- und Outcome-Faktoren geschlechtersensibel operationalisiert sind. Wir empfehlen die Lektüre der Dokumente ALLEN, die DARAN Interesse haben, auch wenn Gewalt allgemein oder feministische Forschung zu Gewalt gegen Frauen nicht im Fokus ihres Intereses liegt.

Dieser Beitrag wurde auf dem Epi goes Gender-Blog gepostet und kann dort kommentiert und diskutiert werden. Wir freuen uns über eine rege Beteiligung!

 

Chronologie und Quellen

Originalpublikation:
R. Schlack, J. Rüdel, A. Karger, H. Hölling (2013) Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung: Ergebnisse der Studie zur Gesundheit von Erwachsenen in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 56(5-6):755-764.Verfügbar unter: http://edoc.rki.de/oa/articles/repfVFL9MKm0A/PDF/24FsYksH0Ap7s.pdf
 

SPIEGEL ONLINE - Gesundheit - 27.05.2013
D. Ballwieser (2013) DEGS-Studie: Jeder fünfte Erwachsene erlebt psychische Gewalt.
Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/gesundheits-studie-degs-psychische-gewalt-wird-unterschaetzt-a-902046.html, Zugriff 3.9.2013


Stellungnahme des Nationalen Netzwerks zur neuen RKI-Studie (Brief an RKI vom 2. Juni 2013)
Valide Aussagen zu Gewalt im Geschlechterverhältnis erfordern eine gendersensible Erfassung.
Verfügbar unter: http://www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de/downloads/Stellungnahme_DEGS-Gewalt.pdf
 

Stellungnahme des Robert-Koch-Instituts zum Brief des Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit (Brief des RKI an das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit vom 21. Juni 2013)
Verfügbar unter: http://www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de/downloads/Antwort_Netzwerk.pdf

Veröffentlichte Version der Stellungnahme des Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit
P. Brzank, B. Blättner, D.Hahn (2013) Valide Aussagen zu Gewalt im Geschlechterverhältnis erfordern gendersensible Erfassung. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 56(9):1335-1336.
Verfügbar unter: http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00103-013-1837-8.pdf


Antwort des RKI (Publikation)
C. Lange, H. Hölling (2013) Antwort des Robert Koch-Instituts zu dem Leserbrief „Valide Aussagen zu Gewalt im Geschlechterverhältnis erfordern gendersensible Erfassung. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 56(9):1337.
Verfügbar unter: http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00103-013-1831-1.pdf